Von Highways und Interstates, Road-Signs und viel viel mehr
Zwei Dinge waren für unseren mehr als 3500 Kilometer
langen Roadtrip von unschätzbarem Vorteil: Sally, das Navi mit
amerikanischem Kartenmaterial, und Johns Mitgliedschaft im ADAC. Ist man
Mitglied beim ADAC, kann man sich entweder noch in Deutschland oder
dann vor Ort kostenlos eine Karte von AAA (dem amerikanischen Pendant)
holen und gilt dann als vollwertiges Mitglied mit sämtlichen Vorteilen
die AAA in den USA bietet – den Pannendienst mussten wir gottseidank
nicht in Anspruch nehmen. Selbstverständlich kann man sich kostenlos
sämtliche benötigten Karten holen, außerdem die jährlich neu
erscheinenden „Tourbooks“ zu jedem beliebigen Bundesstaat. In diesen
Büchern findet man nicht nur weitere Karten, sondern auch detaillierte
Beschreibungen der wichtigsten Städte und Sehenswürdigkeiten, sowie
genaue Adressen und weitere nützliche Tipps.
Das Beste an den Tourbooks ist jedoch die Auflistung
und Beschreibung von Hunderten von Hotels in den entsprechenden Orten
und Umgebung – und was man als AAA-Mitglied sparen kann. Letzteres war
allerdings weniger wichtig, da man eigentlich in jedem Hotel und bei
jedem Eintritt in Museen oder Parks mit AAA spart, selbst wenn es
manchmal nur zwei Dollar pro Person sind. Mag wenig erscheinen, aber
wenn man zwei Wochen lang in verschiedenen Hotels übernachtet und auch
sonst noch Einiges unternimmt (die Country Music Hall of Fame, die
Daytona 500 Experience, die Überfahrt nach Mackinac Island für fünf
Personen…), läppert sich das schon zusammen. In der Praxis sah das so
aus, dass wir uns vorab immer über die Sehenswürdigkeiten in der Gegend –
und wo diese zu finden sind – informierten, dann ein Hotel in der Nähe
heraussuchten, das unseren Ansprüchen an die Ausstattung genügte und im
preislichen Rahmen lag, und schließlich mit Hilfe von Sally eine punkt-
und zeitgenaue Landung hinlegten.
Unterwegs in Hotels zu übernachten ist in den USA
viel unkomplizierter und günstiger als in Europa – zum einen hat man an
auch an der unbedeutendsten Ausfahrt die Wahl zwischen mindestens fünf
verschiedenen Hotels, zum anderen bezahlt man hier nicht pro Person
sondern pro Zimmer: am teuersten nächtigten wir mit 80 Dollar (für das
Zimmer) im Best Western in Kentucky (Foto links), die günstigste (und
dennoch sehr schöne) Unterkunft war das Microtel in Palm Coast mit 46
Dollar pro Nacht, was nicht mal 20 Euro pro Person sind!
Meistens hatten die Hotels sogenannte „exterior
corridors“, das heißt der Zugang zum Zimmer war direkt vom Hof aus, wie
man es aus dem Fernsehen kennt. Man konnte bequem mit dem Auto vor der
eigenen „Haustür“ parken oder es gab – wie im Best Western in Orlando –
eine Außentreppe zum Zimmer. Nur im Sleep Inn in Valdosta und im
Microtel in Palm Coast waren unsere Zimmer über einen Flur innerhalb des
Gebäudes zu erreichen, so wie in den meisten europäischen Hotels. Ein
richtiges Frühstück ist im Preis normalerweise nicht dabei, allerdings
gibt es meistens Kaffee und Orangensaft, ein bißchen trockenes Gebäck,
Cornflakes und Toast mit Marmelade – wenn man nicht zu anspruchsvoll ist
und sowieso nicht viel Zeit für ein ausgiebiges Frühstück hat, reicht
das aber auch. Die Ausstattung war überall gleich: Badewanne/Dusche mit
WC, Klimaanlage, Fernseher, Kühlschrank, Kaffeemaschine und
Pulverkaffee, Bügeleisen und Bügelbrett, Föhn und freier Internetzugang
im Zimmer.
Meistens gab es W-LAN, nur im Best Western in
Orlando hatten wir ein Kabel, das extra mit einem Schild
als Internetkabel ausgewiesen war, jedoch nicht funktionierte, weil –
so vermuteten wir – der Stecker nicht richtig im Laptop-Anschluss
einrastete. An der Rezeption versprach man uns, gleich die Techniker mit
einem anderen Kabel zu uns zu schicken, und so gingen wir wieder auf
unser Zimmer, um zu warten – währenddessen untersuchten wir nochmal das
Kabel, entdeckten, dass es nicht nur nicht richtig passend sondern auch
überhaupt nicht angeschlossen war, und dass ein anderes – passendes und
verbundenes – Kabel einfach blöd am Boden unter dem Schreibtisch lag.
John wollte daraufhin bei der Rezeption anrufen, um die Techniker
abzubestellen, dummerweise war das Telefon tot. Auf unserem erneuten Weg
zur Rezeption sind wir dann auf der Treppe den Technikern direkt in die
Arme gelaufen, die dann auch sofort den Kabelsalat sortiert, das
Telefon angeschlossen und überflüssige und kaputte Kabel entsorgt haben.
Gemeinsam wunderten wir uns, warum manche Hotelgäste sich scheinbar
einen Spaß daraus machten, wie wild die Kabel zu vertauschen um die
nächsten Besucher zu irritieren – ich werde das bei nächster Gelegenheit
auch mal probieren.
Während ich mich dann am Abend mal wieder mit dem
Laptop beschäftigte, geriet John prompt in die Pay-TV-Falle. Er zappte
bis zu der Meldung, dass der Film (eine Komödie, nicht was ihr denkt!)
16 Dollar kostet und das man zum Verlassen dieses Bereichs die
Menü-Taste drücken sollte. Nach Drücken der Menü-Taste kam die nächste
Meldung, nach dem Motto: Herzlichen Glückwunsch, der Film startet jetzt
und scheißegal ob Sie jetzt sofort den Fernseher ausschalten: 16 Dollar
sind futsch. John hat trotzdem sofort den Fernseher ausgeschaltet und
mit einem erneuten Anruf bei der Rezeption den Vorfall geschildert und
sichergestellt, dass die 16 Dollar NICHT futsch waren, was auch
tatsächlich problemlos geklappt hat.
Trotz der kleinen Schwierigkeiten am Anfang war
unser letztes Hotel dennoch eine schöne Unterkunft mit freundlichem und
hilfsbereitem Personal und einer wunderbaren Poolanlage, wo wir auch
einmal einen faulen sonnigen Nachmittag verbracht haben und dabei die
Bekanntschaft einer netten Familie aus der Nähe von München machten.
Irgendwie war es schon komisch, plötzlich wieder jemanden deutsch
sprechen zu hören – wenn man bedenkt, dass wir sogar das Navi auf
Amerikanisch gestellt hatten (die deutsche Stimme war viel zu autoritär,
ähnlich wie in den Werbespots für diese Domina-Sexhotlines).
Die englisch sprechende Sally erwies sich dann die
ganze Zeit über als treue Seele, die nur ganz selten mal solche
Sperenzchen machte wie in Nashville, als sie uns aufforderte, mitten auf
einer riesigen Brücke links abzubiegen – in den Fluss, Madame?? Aber
Sally lernt ja zum Glück aus ihren Fehlern und am nächsten Tag wollte
sie uns an der gleichen Stelle schon nicht mehr versenken – außerdem
würde im Straßenchaos von Nashville wohl jeder durchdrehen, man denke
beispielsweise nur an unsere verzweifelte Suche nach der Mall!
Abgesehen von diesem Negativbeispiel sind die
Straßensysteme und v.a. die Beschilderungen bei Weitem nicht so
schlecht, wie es in unserem Reiseführer angekündigt war. Rechtzeitig vor
jeder Ausfahrt gibt es außerdem mehrere „Food“-, „Gas“- oder
„Lodging“-Schilder, die die dort vorhandenen Restaurants, Tankstellen
und Hotels auflisten – entsprechende Billboards machen schon einige
Meilen vorher Werbung.
Etwas seltener als die Food-Exits sind die
Rest-Areas, die man vor allem im Süden früher angeblich schon etliche
Meilen im Voraus gerochen haben soll. Jetzt sind es kleine idyllische
Oasen der Ruhe (Foto), ausgestattet mit Toiletten, die meist moderner
und sauberer sind als in den Restaurants. Leider mussten wir mehr als
einmal die Erfahrung machen, dass es grundsätzlich meilenweit keine
Rest-Areas mehr gab, wenn man dringend mal eine gebraucht hätte.
Obwohl ich meinen internationalen Führerschein dabei
hatte, ist John die ganze Strecke alleine gefahren, und hat ganz brav
die Tempolimits von 55 bis 70 mph „nur geringfügig“ überschritten (und
wurde dabei gottseidank nicht erwischt). Ich vertrieb mir derweilen die
Zeit mit dem Studieren der Tourbooks und Couponheftchen, der
Ausarbeitung unserer Berichte und dem Knipsen zumeist grottenschlechter
Fotos aus dem fahrenden Auto heraus.
Dieses Verhängnis nahm seinen Lauf, als wir die
erste Staatsgrenze passierten und ein freundliches „Welcome to
Ohio“-Schild uns auf neuem Territorium begrüßte – dummerweise hatte ich
die Kamera nicht griffbereit, und John weigerte sich standhaft, die
nächste Ausfahrt zu nehmen und nochmal zurückzufahren. In Kentucky hat
es besser geklappt, da Sandy uns vorher genau beschrieben hatte, wann
das Schild auftaucht.
Ab da habe ich dann akribisch die Landkarte mit den
Staatengrenzen studiert, die Kamera war an der richtigen Stelle
schussbereit und John ist immer extra langsam auf das entsprechende
Schild zugefahren und hat mitgefiebert – ich habe kein einziges
verdammtes Willkommensschild mehr erwischt. Anstelle von Grüßen aus
Tennessee, Georgia und Florida gab es wunderbare Aufnahmen vom blauen
Himmel, einem Brückenpfeiler oder vom Innenraum unseres Autos.
Schlimmer als die Aussicht, wieder ein Schild zu
verpassen, war für mich irgendwann allerdings die Furcht vor Johns
fassungslosem Unverständnis – während er am Anfang meinen Eifer
bezüglich der Willkommensschilder noch belächelt hatte, entwickelte er
gegen Ende mehr Ehrgeiz als ich und konnte einfach nicht glauben, dass
ich es jedesmal verbockt habe. Zitat: „Hast es wieder net erwischt,
oder? ... DES GIBT’S DOCH NET!!!“ Glücklicherweise lief bestimmt kurz
darauf mal wieder John’s Urlaubs-Favorit „This ain’t nothing“ im Radio
(dieser Song wurde etwa einmal pro Stunde im Country-Channel gespielt),
so dass John wieder bester Dinge war.
Wie man Radiostationen nach Stilrichtungen sucht und
abspeichert, hatten wir schon herausgefunden, bevor wir den
Alamo-Fuhrpark am Flughafen in Detroit verließen. So konnten wir während
unserer späteren Fahrt je nach Lust und Laune zwischen zwei Country-,
drei Rock- und einem Oldiesender (60s on 6) wechseln und auf Knopfdruck
wurden außerdem Titel, Interpret und Veröffentlichungsjahr im Display
angezeigt. Überhaupt waren wir – insbesondere John – sehr glücklich mit
unserem Dodge Charger mit Nummernschild aus Illinois, und sowohl
Abholung als auch Rückgabe des Autos klappten problemlos.
Laut des bereits im Reisebüro abgeschlossenen
Alamo-Mietvertrages stand uns ein Full-Size 4-Türer wie beispielsweise
ein Chevrolet Impala zur Verfügung und vor Ort konnten wir uns dann aus
etwa 20 verschiedenen Autos unterschiedlicher Marken unseren Favoriten
aussuchen. Abgesehen von unserem Dodge und einigen Impalas standen da
auch mehrere seltsam kastenförmige KIAs herum und John berichtet gerne,
dass ich eigentlich am liebsten einen KIA genommen hätte – nur weil ich
aus weiter Ferne dachte, dass es ein geräumiger Van ist, was sicherlich
praktisch gewesen wäre. Aus der Nähe betrachtet war’s dann doch nur ein
kleiner, seltsam kastenförmiger KIA (den ich natürlich NICHT wollte, nur
für’s Protokoll).
Während die Amerikaner über die gestiegenen
Benzinpreise jammern, freuten wir uns über die nicht ganz 40 Dollar
(etwa 30 Euro), die wir für eine volle Benzinladung zahlen mussten – das
teuerste an der ganzen Autogeschichte war die vor Ort zu zahlende
Einweggebühr, da wir das Auto nicht zurück nach Detroit gebracht sondern
in Orlando abgegeben haben. Aber anstatt der bereits bei
Vertragsabschluss angekündigten, happigen 500 Dollar waren’s dann doch
„nur“ 360 Dollar Gebühr, die später der Kreditkarte belastet wurden. Bei
der Rückgabe direkt in der Tiefgarage des Flughafens in Orlando musste
man nur den Schlüssel abgeben und das war’s auch schon – good bye, ihr
Highways und Interstates. So long, endlose Weiten. See ya, grenzenlose
Freiheit. Und guten Tag, liebe deutsche Autobahn, die uns den
Geschwindigkeitsrausch ermöglicht – wir haben Dich (ein bißchen)
vermisst!
