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Sonntag, 12. September 2010

Outtake No. 2: Country Roads, Take Me Home...

Von Highways und Interstates, Road-Signs und viel viel mehr


Zwei Dinge waren für unseren mehr als 3500 Kilometer langen Roadtrip von unschätzbarem Vorteil: Sally, das Navi mit amerikanischem Kartenmaterial, und Johns Mitgliedschaft im ADAC. Ist man Mitglied beim ADAC, kann man sich entweder noch in Deutschland oder dann vor Ort kostenlos eine Karte von AAA (dem amerikanischen Pendant) holen und gilt dann als vollwertiges Mitglied mit sämtlichen Vorteilen die AAA in den USA bietet – den Pannendienst mussten wir gottseidank nicht in Anspruch nehmen. Selbstverständlich kann man sich kostenlos sämtliche benötigten Karten holen, außerdem die jährlich neu erscheinenden „Tourbooks“ zu jedem beliebigen Bundesstaat. In diesen Büchern findet man nicht nur weitere Karten, sondern auch detaillierte Beschreibungen der wichtigsten Städte und Sehenswürdigkeiten, sowie genaue Adressen und weitere nützliche Tipps.

Das Beste an den Tourbooks ist jedoch die Auflistung und Beschreibung von Hunderten von Hotels in den entsprechenden Orten und Umgebung – und was man als AAA-Mitglied sparen kann. Letzteres war allerdings weniger wichtig, da man eigentlich in jedem Hotel und bei jedem Eintritt in Museen oder Parks mit AAA spart, selbst wenn es manchmal nur zwei Dollar pro Person sind. Mag wenig erscheinen, aber wenn man zwei Wochen lang in verschiedenen Hotels übernachtet und auch sonst noch Einiges unternimmt (die Country Music Hall of Fame, die Daytona 500 Experience, die Überfahrt nach Mackinac Island für fünf Personen…), läppert sich das schon zusammen. In der Praxis sah das so aus, dass wir uns vorab immer über die Sehenswürdigkeiten in der Gegend – und wo diese zu finden sind – informierten, dann ein Hotel in der Nähe heraussuchten, das unseren Ansprüchen an die Ausstattung genügte und im preislichen Rahmen lag, und schließlich mit Hilfe von Sally eine punkt- und zeitgenaue Landung hinlegten.


Unterwegs in Hotels zu übernachten ist in den USA viel unkomplizierter und günstiger als in Europa – zum einen hat man an auch an der unbedeutendsten Ausfahrt die Wahl zwischen mindestens fünf verschiedenen Hotels, zum anderen bezahlt man hier nicht pro Person sondern pro Zimmer: am teuersten nächtigten wir mit 80 Dollar (für das Zimmer) im Best Western in Kentucky (Foto links), die günstigste (und dennoch sehr schöne) Unterkunft war das Microtel in Palm Coast mit 46 Dollar pro Nacht, was nicht mal 20 Euro pro Person sind!

Meistens hatten die Hotels sogenannte „exterior corridors“, das heißt der Zugang zum Zimmer war direkt vom Hof aus, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Man konnte bequem mit dem Auto vor der eigenen „Haustür“ parken oder es gab – wie im Best Western in Orlando – eine Außentreppe zum Zimmer. Nur im Sleep Inn in Valdosta und im Microtel in Palm Coast waren unsere Zimmer über einen Flur innerhalb des Gebäudes zu erreichen, so wie in den meisten europäischen Hotels. Ein richtiges Frühstück ist im Preis normalerweise nicht dabei, allerdings gibt es meistens Kaffee und Orangensaft, ein bißchen trockenes Gebäck, Cornflakes und Toast mit Marmelade – wenn man nicht zu anspruchsvoll ist und sowieso nicht viel Zeit für ein ausgiebiges Frühstück hat, reicht das aber auch. Die Ausstattung war überall gleich: Badewanne/Dusche mit WC, Klimaanlage, Fernseher, Kühlschrank, Kaffeemaschine und Pulverkaffee, Bügeleisen und Bügelbrett, Föhn und freier Internetzugang im Zimmer.


Meistens gab es W-LAN, nur im Best Western in Orlando hatten wir ein Kabel, das extra mit einem Schild als Internetkabel ausgewiesen war, jedoch nicht funktionierte, weil – so vermuteten wir – der Stecker nicht richtig im Laptop-Anschluss einrastete. An der Rezeption versprach man uns, gleich die Techniker mit einem anderen Kabel zu uns zu schicken, und so gingen wir wieder auf unser Zimmer, um zu warten – währenddessen untersuchten wir nochmal das Kabel, entdeckten, dass es nicht nur nicht richtig passend sondern auch überhaupt nicht angeschlossen war, und dass ein anderes – passendes und verbundenes – Kabel einfach blöd am Boden unter dem Schreibtisch lag. John wollte daraufhin bei der Rezeption anrufen, um die Techniker abzubestellen, dummerweise war das Telefon tot. Auf unserem erneuten Weg zur Rezeption sind wir dann auf der Treppe den Technikern direkt in die Arme gelaufen, die dann auch sofort den Kabelsalat sortiert, das Telefon angeschlossen und überflüssige und kaputte Kabel entsorgt haben. Gemeinsam wunderten wir uns, warum manche Hotelgäste sich scheinbar einen Spaß daraus machten, wie wild die Kabel zu vertauschen um die nächsten Besucher zu irritieren – ich werde das bei nächster Gelegenheit auch mal probieren.

Während ich mich dann am Abend mal wieder mit dem Laptop beschäftigte, geriet John prompt in die Pay-TV-Falle. Er zappte bis zu der Meldung, dass der Film (eine Komödie, nicht was ihr denkt!) 16 Dollar kostet und das man zum Verlassen dieses Bereichs die Menü-Taste drücken sollte. Nach Drücken der Menü-Taste kam die nächste Meldung, nach dem Motto: Herzlichen Glückwunsch, der Film startet jetzt und scheißegal ob Sie jetzt sofort den Fernseher ausschalten: 16 Dollar sind futsch. John hat trotzdem sofort den Fernseher ausgeschaltet und mit einem erneuten Anruf bei der Rezeption den Vorfall geschildert und sichergestellt, dass die 16 Dollar NICHT futsch waren, was auch tatsächlich problemlos geklappt hat.

Trotz der kleinen Schwierigkeiten am Anfang war unser letztes Hotel dennoch eine schöne Unterkunft mit freundlichem und hilfsbereitem Personal und einer wunderbaren Poolanlage, wo wir auch einmal einen faulen sonnigen Nachmittag verbracht haben und dabei die Bekanntschaft einer netten Familie aus der Nähe von München machten. Irgendwie war es schon komisch, plötzlich wieder jemanden deutsch sprechen zu hören – wenn man bedenkt, dass wir sogar das Navi auf Amerikanisch gestellt hatten (die deutsche Stimme war viel zu autoritär, ähnlich wie in den Werbespots für diese Domina-Sexhotlines).


Die englisch sprechende Sally erwies sich dann die ganze Zeit über als treue Seele, die nur ganz selten mal solche Sperenzchen machte wie in Nashville, als sie uns aufforderte, mitten auf einer riesigen Brücke links abzubiegen – in den Fluss, Madame?? Aber Sally lernt ja zum Glück aus ihren Fehlern und am nächsten Tag wollte sie uns an der gleichen Stelle schon nicht mehr versenken – außerdem würde im Straßenchaos von Nashville wohl jeder durchdrehen, man denke beispielsweise nur an unsere verzweifelte Suche nach der Mall!

Abgesehen von diesem Negativbeispiel sind die Straßensysteme und v.a. die Beschilderungen bei Weitem nicht so schlecht, wie es in unserem Reiseführer angekündigt war. Rechtzeitig vor jeder Ausfahrt gibt es außerdem mehrere „Food“-, „Gas“- oder „Lodging“-Schilder, die die dort vorhandenen Restaurants, Tankstellen und Hotels auflisten – entsprechende Billboards machen schon einige Meilen vorher Werbung.

Etwas seltener als die Food-Exits sind die Rest-Areas, die man vor allem im Süden früher angeblich schon etliche Meilen im Voraus gerochen haben soll. Jetzt sind es kleine idyllische Oasen der Ruhe (Foto), ausgestattet mit Toiletten, die meist moderner und sauberer sind als in den Restaurants. Leider mussten wir mehr als einmal die Erfahrung machen, dass es grundsätzlich meilenweit keine Rest-Areas mehr gab, wenn man dringend mal eine gebraucht hätte.


Obwohl ich meinen internationalen Führerschein dabei hatte, ist John die ganze Strecke alleine gefahren, und hat ganz brav die Tempolimits von 55 bis 70 mph „nur geringfügig“ überschritten (und wurde dabei gottseidank nicht erwischt). Ich vertrieb mir derweilen die Zeit mit dem Studieren der Tourbooks und Couponheftchen, der Ausarbeitung unserer Berichte und dem Knipsen zumeist grottenschlechter Fotos aus dem fahrenden Auto heraus.


Dieses Verhängnis nahm seinen Lauf, als wir die erste Staatsgrenze passierten und ein freundliches „Welcome to Ohio“-Schild uns auf neuem Territorium begrüßte – dummerweise hatte ich die Kamera nicht griffbereit, und John weigerte sich standhaft, die nächste Ausfahrt zu nehmen und nochmal zurückzufahren. In Kentucky hat es besser geklappt, da Sandy uns vorher genau beschrieben hatte, wann das Schild auftaucht.


Ab da habe ich dann akribisch die Landkarte mit den Staatengrenzen studiert, die Kamera war an der richtigen Stelle schussbereit und John ist immer extra langsam auf das entsprechende Schild zugefahren und hat mitgefiebert – ich habe kein einziges verdammtes Willkommensschild mehr erwischt. Anstelle von Grüßen aus Tennessee, Georgia und Florida gab es wunderbare Aufnahmen vom blauen Himmel, einem Brückenpfeiler oder vom Innenraum unseres Autos.

Schlimmer als die Aussicht, wieder ein Schild zu verpassen, war für mich irgendwann allerdings die Furcht vor Johns fassungslosem Unverständnis – während er am Anfang meinen Eifer bezüglich der Willkommensschilder noch belächelt hatte, entwickelte er gegen Ende mehr Ehrgeiz als ich und konnte einfach nicht glauben, dass ich es jedesmal verbockt habe. Zitat: „Hast es wieder net erwischt, oder? ... DES GIBT’S DOCH NET!!!“ Glücklicherweise lief bestimmt kurz darauf mal wieder John’s Urlaubs-Favorit „This ain’t nothing“ im Radio (dieser Song wurde etwa einmal pro Stunde im Country-Channel gespielt), so dass John wieder bester Dinge war.

Wie man Radiostationen nach Stilrichtungen sucht und abspeichert, hatten wir schon herausgefunden, bevor wir den Alamo-Fuhrpark am Flughafen in Detroit verließen. So konnten wir während unserer späteren Fahrt je nach Lust und Laune zwischen zwei Country-, drei Rock- und einem Oldiesender (60s on 6) wechseln und auf Knopfdruck wurden außerdem Titel, Interpret und Veröffentlichungsjahr im Display angezeigt. Überhaupt waren wir – insbesondere John – sehr glücklich mit unserem Dodge Charger mit Nummernschild aus Illinois, und sowohl Abholung als auch Rückgabe des Autos klappten problemlos.


Laut des bereits im Reisebüro abgeschlossenen Alamo-Mietvertrages stand uns ein Full-Size 4-Türer wie beispielsweise ein Chevrolet Impala zur Verfügung und vor Ort konnten wir uns dann aus etwa 20 verschiedenen Autos unterschiedlicher Marken unseren Favoriten aussuchen. Abgesehen von unserem Dodge und einigen Impalas standen da auch mehrere seltsam kastenförmige KIAs herum und John berichtet gerne, dass ich eigentlich am liebsten einen KIA genommen hätte – nur weil ich aus weiter Ferne dachte, dass es ein geräumiger Van ist, was sicherlich praktisch gewesen wäre. Aus der Nähe betrachtet war’s dann doch nur ein kleiner, seltsam kastenförmiger KIA (den ich natürlich NICHT wollte, nur für’s Protokoll).

Während die Amerikaner über die gestiegenen Benzinpreise jammern, freuten wir uns über die nicht ganz 40 Dollar (etwa 30 Euro), die wir für eine volle Benzinladung zahlen mussten – das teuerste an der ganzen Autogeschichte war die vor Ort zu zahlende Einweggebühr, da wir das Auto nicht zurück nach Detroit gebracht sondern in Orlando abgegeben haben. Aber anstatt der bereits bei Vertragsabschluss angekündigten, happigen 500 Dollar waren’s dann doch „nur“ 360 Dollar Gebühr, die später der Kreditkarte belastet wurden. Bei der Rückgabe direkt in der Tiefgarage des Flughafens in Orlando musste man nur den Schlüssel abgeben und das war’s auch schon – good bye, ihr Highways und Interstates. So long, endlose Weiten. See ya, grenzenlose Freiheit. Und guten Tag, liebe deutsche Autobahn, die uns den Geschwindigkeitsrausch ermöglicht – wir haben Dich (ein bißchen) vermisst!