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Montag, 6. September 2010

Orlando - The Magic Kingdom of Hell

Kissimmee, Orlando/Florida. Von strapazierten Nerven und Nervenkitzel, Wolkenbrüchen und mehr


Um Orlando zu beschreiben, müsste man eigentlich einen ganzen Roman verfassen – oder aber man bringt es mit einem Wort auf den Punkt: Reizüberflutung. Hier gibt es Alles, und davon viel zu viel. Die Leuchtreklamen für Hotels, Restaurants und Ramschläden erschlagen einen und lösen bei mir vor allem eines aus: Panik. John tendiert eher zu Verwirrung und Stress. In unserer Schublade haben wir, grob geschätzt, um die 80 Coupons für Bars, Läden und Veranstaltungen, von denen vielleicht zwei eventuell brauchbar sind – und die gilt es erstmal rauszufiltern.

Keine Coupons übrigens gibt es für die eigentlichen Attraktionen hier, nämlich die großen Vergnügungsparks, die hauptsächlich in den Händen von Disney und Universal liegen. Disney World besteht aus vier einzelnen Themenparks, nämlich Magic Kingdom, Epcot, Animal Kingdom und die Hollywood Studios, außerdem gibt es noch ein paar Wasserparks. Die Eintrittspreise wurden erst vor zwei Wochen wieder erhöht und belaufen sich jetzt auf 88 Dollar – für einen einzigen Park!!
Klar, dass bei so einer Abzocke auch ein paar gewiefte Köpfe mitmischen und das eine oder andere Schlupfloch für die Touristen schaffen. Möglich wäre beispielsweise folgendes Szenario: besitzt man einen Mehrtagespass (z.B. acht Eintritte innerhalb von 14 Tagen) und hat nach vier Parks bereits die Schnauze voll (was gut möglich ist) dann könnte man den Pass entweder wegschmeißen oder weiterverkaufen. Nützlich wären dann natürlich ein paar Tickethäuschen, die solche angebrochenen Pässe kaufen und an andere Touristen weiterverkaufen, z.B. für 55 Dollar. In diesem Falle könnte man dann beispielsweise als Derek und Heather R. ganz locker durch die Tore von Disney’s Magic Kingdom spazieren – „Heather“ würde sich vermutlich vor Angst und Aufregung fast in die Hosen machen, „Derek“ hingegen würde den Nervenkitzel in vollsten Zügen genießen.
Natürlich könnte es Probleme geben, wenn die Fingerabdrücke gescannt werden, da hier logischerweise eine Fehlermeldung kommen müsste, aber in diesem Fall sollte man einfach ganz cool und ein bißchen genervt weiter auf dem Scanner herumtrommeln und hoffen, dass irgendwann doch noch ein grünes Lämpchen aufleuchtet, oder die Sicherheitsleute einen trotzdem passieren lassen, weil es ihnen zu blöd ist, deswegen ein großes Verhör zu starten. Günstig für so eine Aktion wäre natürlich ein Feiertag, wenn sowieso ein unüberschaubarer Menschenandrang ist – beispielsweise Labour-Day. Tja, hier wäre viel machbar, aber selbstverständlich würden John und ich niemals auf solche Ideen kommen…

Wie dem auch sei, John und ich waren heute in Magic Kingdom – gefallen hat’s uns nicht besonders. Zum einen war hier die Hölle los (heute war Labour-Day und die Kinder hatten schulfrei), zum anderen geht die Abzocke im Park weiter – von der Parkplatzgebühr von 14 Dollar mal ganz abgesehen. Die Disney-Artikel in den zahlreichen Souvenirshops werden zu Apothekerpreisen verhökert und auch die Preise für Essen und Trinken sind eigentlich völlig pervers – aber leider ist man in diesem Park gefangen und hat natürlich irgendwann mal Hunger und Durst. Rauchen unter freiem Himmel ist hier auch nicht überall gestattet, dafür muss man sich erst ein ungemütliches Ghetto in der prallen Sonne suchen.
Die kleine Revue vor Cinderella’s Castle und die Nachmittagsparade mit den bekannten Disney-Figuren waren ganz nett, nur die stechende Sonne Floridas war fast unerträglich. Wasserspritzende Ventilatoren wurden für 20 Dollar angeboten. Am späten Nachmittag setzte dann der Regen ein und prompt gab es überall „Regenponchos“ (von der Qualität her nicht besser als gelbe Säcke) zu kaufen. Die Rauch-Ghettos waren natürlich nicht überdacht. Leider warteten wir vergeblich darauf, dass es aufhörte zu schütten, so dass wir dann gegen halb acht beschlossen, auf die Abendparade und das große Feuerwerk zu verzichten – sofern das bei dem Wetter überhaupt stattgefunden hätte. Am Ende war ich so genervt, dass ich den „Winkern“ am liebsten meine Sandalen (ja, schon wieder – und das bei Regen) an den Kopf geworfen hätte. Sonderbares Phänomen: Egal ob man in einer Bahn oder einem Boot sitzt, draußen stehen immer irgendwelche Leute, die einem blöd zuwinken. Das sind bestimmt die gleichen, die sich immer grinsend und winkend in den Hintergrund stellen, wenn irgendwo ein Interview gemacht wird.

Unterm Strich plagt mich heute vor Allem ein schlechtes Gewissen, weil ich diejenige war, die unbedingt nach Magic Kingdom wollte. Umso bemerkenswerter finde ich, dass John bei Weitem nicht so genervt war wie ich – ich hab mich grad nochmal vergewissert: ihn haben nicht einmal die Winker gestört! Für morgen oder übermorgen haben wir eventuell die Universal Studios geplant und wir sind optimistisch, dass wir dann mehr Glück haben.



Liebe Grüße aus dem heute Abend nicht so sonnigen Sunshine-State,

D. und H. :)